Zusammenfassung

  • Eine IPv6-Adresse wird nach Ablauf ihrer Preferred Lifetime zunächst deprecated, bleibt aber bis zum Ende der Valid Lifetime zugewiesen. Auswahl und Anerkennung sind zwei getrennte Entscheidungen.
  • Die Zwischenphase lenkt neue Kommunikation auf einen Ersatz und lässt bestehende Verbindungen den Endpunkt behalten, den sie nicht ohne Abbruch wechseln können.
  • Die Zwei-Stunden-Regel begrenzt nicht authentifizierte Sofort-Invalidierung. Vergisst ein Router nach einem Neustart das alte Präfix, kann dieselbe Vorsicht auch einen legitimen Rückzug verzögern.

Das Protokoll trennte Ruhestand und Tod

Bereits RFC 1971 unterschied 1996 preferred, deprecated, valid und invalid. Eine bevorzugte Adresse steht höheren Schichten frei zur Verfügung. Nach Ablauf der Preferred Lifetime wird sie deprecated: Ihre Nutzung ist unerwünscht, aber nicht verboten. Erst die Valid Lifetime beendet die Bindung an das Interface.

Die Zwischenstufe schützt eine technische Kontinuität. Eine offene TCP-Verbindung kann ihre Endpunktadressen normalerweise nicht mitten im Gespräch austauschen. Würde der Host die alte Adresse beim Erscheinen eines neuen Präfixes sofort löschen, brächen funktionierende Sitzungen nur wegen ihres Startzeitpunkts ab. Eine veraltete Adresse nimmt daher weiter Pakete an und kann bestehenden Verkehr tragen.

Deprecated bedeutet nicht unerreichbar. Die erste Uhr steuert, ob neuer Verkehr diese Adresse wählen soll. Die zweite bestimmt, ob sie überhaupt noch zum Host gehört.

Eine Prefix Information Option trägt zwei Uhren

RFC 4861 definiert Preferred Lifetime und Valid Lifetime als 32-Bit-Sekundenwerte im Prefix-Information-Option eines Router Advertisement. Einsen in allen Bits bedeuten unendlich. Preferred darf Valid nicht überschreiten; RFC 4862 verlangt, eine widersprüchliche Option zu ignorieren.

Zusätzlich entscheidet das Autonomous-Flag, ob das Präfix für SLAAC dient. Die Zeitwerte allein erzeugen keine Adresse. Präfix, Flags und Lebensdauern bilden zusammen die Anweisung.

Periodische Advertisements erneuern den Zustand. Ein fester Wert verschiebt bei jedem Empfang das Ende; ein sinkender Wert kann auf einen festgelegten Termin zulaufen. Fehlt ein Präfix in einem einzelnen Paket, ist es nicht zurückgezogen. Optionen können verteilt sein, und Pakete gehen verloren. Der Host handelt nach empfangenen Angaben und ablaufenden Timern, nicht nach mehrdeutigem Schweigen.

Die Standardauswahl lenkt, ohne auszuweisen

Ist Preferred Lifetime abgelaufen, sollen neue Verbindungen eine geeignete, nicht veraltete Quelle verwenden. Regel 3 in RFC 6724 bevorzugt einen nicht deprecated Kandidaten.

Das ist eine Standardpräferenz, kein absolutes Verbot. Eine Anwendung kann eine weiterhin gültige Quelle ausdrücklich festlegen. Bestehende Verbindungen dürfen sie behalten. Selbst ein neuer SYN an die veraltete Adresse kann mit einem SYN-ACK von dieser Adresse beantwortet werden, wenn die Verbindung sonst zulässig wäre.

Während der Umnummerierung können altes und neues Präfix gleichzeitig am Interface stehen. Das neue übernimmt künftige Sitzungen, das alte lässt laufende auslaufen. Die sichtbare Existenz der alten Adresse beweist daher weder Fehler noch Erfolg; Zustand, Restzeit und tatsächliche Quellenwahl müssen hinzukommen.

Null bei Preferred beginnt das Entleeren

Ein Administrator kann für das alte Präfix Preferred Lifetime auf null setzen und Valid Lifetime positiv lassen. Der Host stuft die Adresse sofort als deprecated ein, entfernt sie aber nicht. Neue Arbeit fließt zum Ersatz, alte Arbeit behält ihren Endpunkt.

RFC 5887 beschreibt geplante Umnummerierung mit genau dieser Überlappung: neues Präfix einführen, das alte für neue Sitzungen unattraktiv machen und später seine Gültigkeit beenden. Die Adresszustände lösen jedoch nicht alle Abhängigkeiten.

DNS, Routing, Firewalls, Zugriffslisten, Zertifikate und Anwendungen können die alte Adresse unabhängig speichern. Lokal valid kann dennoch end-to-end tot sein, wenn der Rückweg fehlt. Lokal deprecated löscht keinen DNS-Eintrag. Die Uhren liefern Koordinationssignale, keine atomare Änderung aller Systeme.

Schnelle Vernichtung verlangt stärkere Evidenz

Router Advertisements sind nicht notwendigerweise authentifiziert. Könnte ein gefälschtes Paket Valid Lifetime auf Sekunden verkürzen, hätte ein Angreifer am Link einen Löschschalter. RFC 4862 begrenzt diese Macht. Eine kurze nicht authentifizierte Angabe lässt eine zuvor langlebige Adresse normalerweise nicht früher als nach zwei Stunden ungültig werden. Sind schon höchstens zwei Stunden übrig, wird eine weitere Verkürzung für Valid ignoriert.

Preferred wird trotzdem auf den empfangenen Wert gesetzt. Der Unterschied folgt dem Schaden: Eine Adresse aus der Standardauswahl zu nehmen ist weniger irreversibel als sie zu löschen, und ein legitimer Betreiber braucht schnelle Deprecation.

Authentifizierte Meldungen können anders behandelt werden. Zwei Stunden sind kein allgemeines Migrationsziel, sondern eine Schadensgrenze für schwach belegte Invalidierung.

Nach dem Neustart kann der Gegenstand des Rückzugs fehlen

Ein Kundenrouter kann neu starten, vom Provider ein anderes Präfix erhalten und die frühere Zuweisung vergessen. Er kann das Neue ankündigen, aber nicht mehr benennen, welches Alte mit Null-Laufzeiten zurückgezogen werden muss. Hosts behalten dann ihre zuletzt gehörten Timer.

RFC 8978 untersucht dieses Flash Renumbering. Die dort herangezogenen RFC-4861-Standardwerte zeigen die Größenordnung: sieben Tage preferred und dreißig Tage valid. Sie sind keine Messung heutiger Geräte, sondern zeigen, wie lange ein ungekündigtes Versprechen bestehen kann.

Selbst ein explizites Nullsignal trifft bei fehlender Authentifizierung auf die Zwei-Stunden-Grenze. Schutz gegen gefälschten Tod und rasche Bereinigung eines wirklich verlorenen Präfixes konkurrieren um dieselbe Entscheidung.

Rückzug muss Neustart und Verlust überleben

RFC 9096 empfiehlt Customer-Edge-Routern, früher angekündigte Präfixe stabil zu speichern, LAN-Laufzeiten an die verbleibende Upstream-Zuweisung zu binden und veraltete Präfixe wiederholt mit beiden Laufzeiten null anzukündigen.

Wiederholung ist Teil der Semantik. Ein Host kann das erste Advertisement verpassen. Der Router muss den Rückzug über einen Zeitraum benennen, der die zuvor versprochene Gültigkeit berücksichtigt. Beenden ist keine einzelne erfolgreiche Sendung, sondern eine Verpflichtung gegenüber verbliebenem Zustand.

Die Empfehlung beweist keine Implementierung. Sie macht die Voraussetzung sichtbar: Wer erneuerbaren Zustand schafft, muss ein Inventar behalten, um ihn nach einem Neustart noch präzise beenden zu können.